Ein Interview mit Oliver Waack-Jürgensen, Jahrgang 1963, Vorsitzender des Vereins CSC High Ground Berlin. Der Mann gehört definitiv zum Urgestein der Legalizer-Bewegung in Deutschland. Mal schauen, was zu sagen hat.

F: Du bist im CSC High Ground als Vorsitzender tätig. Macht dir die Arbeit Spaß? Was macht man da so?
A: Der CSC High Ground ist keine Anbauvereinigung. Er ist ein Cannabis Social Club ohne Weed Ausgabe. Ein Verein von Grower;innen und Konsument:innen. Also VoSi bin ich der gewählte Vertreter der Mitgliederversammlung mit einer Agenda, wie in jedem anderen Verein. Das Jahr 25 war für uns eine Belastungsprobe. Der Tod unseres Vizevorsitzenden Hannes Schlisio hat uns hart getroffen. Nun sind wir wieder da, mit neuem Vorstand.
F: Du hast die Entwicklung des Gesetzgebungsprozesses bzgl. CanG auch mit bemerkenswerten Redebeiträgen auf Veranstaltungen begleitet. Wie zufrieden bist du mit dem Ergebnis?
A: Vielen Dank. Mit dem KCanG ist ja niemand zufrieden, zu recht. Ich bin froh, dass das Cannabis erstmal raus aus dem Betäubungsmittelgesetz ist, und da nicht so einfach wieder rein geht, wie es sich manche vorstellen oder glauben. Die schrittweisen Einschränkungen und Skandalurteile, z. B. die Stecklinge betreffend, sind verzweifelte Rückzugsgefechte der Unbelehrbaren. Die Signalwirkung in der EU sollte nicht übersehen werden. Eigenanbau und Apotheken versorgen legal Millionen Konsument:innen, das sind klare Fortschritte nach 50 Jahren Unrecht.
F: Du bist - wie ich auch - seit Jahrzehnten in Sachen Legalisierung unterwegs. Wir wissen beide, es war ein beschwerlicher Weg bis hierher und das Ziel ist noch weit weg. Was war für dich persönlich der größte Rückschritt auf dem Weg?
A: Von 1982, als mich die JuSos auf ner Freizeit als Erstwähler mit Legalisierung ködern, bis zum Koalitionsvertrag 22? Definitiv Schleswig-Holstein in den 90ern. Da waren wir wirklich kurz davor mit Rückenwind aus der Politik und dann titelte die Landeszeitung “Hasch-Heide”, gemeint war die damalige Innenministerin Heide Moser, die die Abgabe in Apotheken einführen wollte. Die Growis damals waren so aus dem Häuschen, dass man sich bei der Landesregierung als infrage kommender Produzent outete. Nach der Medienkampagne war damit Schluss und die Ministerin Geschichte. Sie war ihrer Zeit voraus.
F: Es gab sicherlich auch große Momente, oder? Augenblicke, in denen die Last von den Schultern fällt und der Moment zählt?
A: Die Nacht auf den 01.04.2024 war so ein Moment. Da haben wir an der Warschauer Straße, einem Berliner Hotspot für Touristen und Nachtvolk, um die 200 Joints verloren, die schnell gefunden wurden. Die Joints wurden aus Kräuterspenden von solidarischen Growis am Abend im Hanfmuseum handgefertigt und dann mit Berliner:innen ihrer Bestimmung als Eigenbedarf zugeführt. Das war schon ein richtig geiler Moment. Ein guter erster Schritt. Für mich persönlich hat sich nicht viel verändert. Alle wussten schon immer, dass ich kiffe.
F: Nun haben wir also seit gut anderthalb Jahren das KCanG. Fangen wir mal bei den guten Nachrichten an. Was findest du an dem Gesetz gelungen?
A: Cannabis ist raus aus dem BtMG. Damit ist eine alte Forderung erfüllt. Eigenanbau ist die neue Freiheit. Die ersten Auswirkungen auf die illegalen Märkte sind zu beobachten. Es macht also schon mal, was es soll.
F: Nun zur anderen Seite, dafür habe ich mal etwas mehr Platz gelassen. Welche Kritikpunkte gibt es von deinem Blickwinkel aus? Gern begründen.
A: Alles, was auch der Hanfverband sagt, plus die übertriebenen Clubregeln, die unrealistischen Mengen und Pflanzenbeschränkungen.
F: Für und Wider, gut und schön. Was müsste deiner Meinung nach geändert werden?
A: Der freie Umgang mit Cannabis für Erwachsene ist lange überfällig. Die Anbauvereine müssen die Freiheiten echter Vereine bekommen und Cannabis Social Clubs werden, die Fachgeschäfte für Erwachsene, Canna-Cafés usw. müssen folgen. Cannabis ist kein Plutonium, wir haben Jugendschutzgesetze, denen wir Funktion in Bereichen wie Alkohol und Tabak zutrauen, die sich leicht auf Cannabis umschreiben lassen.
F: Was ist deine ganz persönliche Einstellung als Mensch (abseits der Parteipolitik) zum Thema Rauschmittel?
A: Jeder Erwachsene sollte im Umgang mit Rauschmitteln sicher und kompetent werden. Wer das nicht möchte, kann sich immerhin informieren und anderweitig behilflich sein, anstatt auf Leute mit Kompetenz einzuschlagen oder sie auf pures Elend zu reduzieren. Es gibt sogar substanzfreie Methoden sich in einen Rauschzustand zu versetzen.
F: Wie bewertest und beurteilst du die aktuellen Versuche der Regierung und ihrer Erfüllungsgehilfen, die Freiheiten, die das KCanG den Konsumenten bietet, wieder zu beschränken?
A: Durchsichtige Drohkulissen aus der konservativen Ecke. Die CSU ist das Problem. Die mit Restvernunft in der Union werden sich an dem Thema nicht die Finger verbrennen. Bisschen Schikane hier, etwas mehr Repression da, mehr wird das nicht. Meine Meinung.
F: Was hältst du im Sinne einer konsumentennahen Rauschmittelpolitik in naher Zukunft für dringend angezeigt, sozusagen als "höchste Priorität"?
A: Die Entkriminalisierung aller Konsument:innen von Rausch auslösenden Substanzen. Ein Ende des Krieges gegen Drogen, der auf allen Ebenen die vollmundig angekündigten Ziele verfehlt hat, und die staatliche Kontrolle über illegale Märkte. Ok, ok, realistisch und auf Cannabis bezogen? Fachgeschäfte, Fachgeschäfte, Fachgeschäfte. Wenn es nicht anders geht über Modellprojekte.
F: Die DICE-Studie von Prof. Dr. Justus Haucap unterstellt im Falle einer allein auf Cannabis begrenzten echten Legalisierung einen enormen wirtschaftlichen Impuls und Einsparungen im Milliardenbereich durch Wegfall der Verfolgung. Siehst du eine Legalisierung auch als Konjunkturmotor? Wie könnte das aussehen?
A: Wir sehen aktuell im Bereich med. Cannabis, wie in weniger als zwei Jahren ein Markt von neun Tonnen importierten med. Cannabis im ersten Quartal 24 auf knapp 60t im letzten Quartal 25 angewachsen ist. Das sagt genug. Das Geld gehört den vom Verbot Geschädigten, in Fachgeschäfte die von ihnen geführt werden.
F: Unsere Redaktion hat auf der Startseite von fourtwenty.wtf einen Gesetzesvorschlag verlinkt (https://drogen.wtf/dl/RauMiG.pdf), der die vollständige Legalisierung aller Rauschmittel bei gleichzeitiger strikter Trennung in Fachgeschäften und eine Intensivierung des Beratungsangebots skizziert. Könntest du dir eine solche umfassende Legalisierung vorstellen bzw. was wären deine Vorschläge?
A: Ich bin im Vorstand von ENCOD, der EU NGO für eine gerechte und effektive Drogenpolitik. Das ist genau, was wir wollen. Freedom to Farm bedeutet nicht nur Cannabis.
F: Thema CAV. Die Innenminister unionsgeführter Länder fordern nun gar "keine weiteren Anbauvereinigungen zu genehmigen". Wie beurteilst du im Lichte des KCanG eine solche Forderung?
A: Getöse, das getrost überhört werden darf. Gerade die Innenminister der Länder haben sich an Bundesgesetze zu halten.
F: Die Union möchte "wegen des Kinder- und Jugendschutzes" Mengen für Besitz, Mitführen und Abgabe (CAV) von Cannabis erheblich zu verringern. Das KCanG verbietet Kindern und Jugendlichen grundsätzlich den Besitz von Cannabis. Wie soll ein erweitertes Verbot die Jugend schützen? Kannst du das nachvollziehen, was die Union da fordert?
A: Nein. Kann ich generell nicht, außer bei offener Korruption. Sie lieben es, uns zu ängstigen und ihre Drohkulissen aufzustellen, und leider gibt der Weedmob dem zu sehr nach, lässt sich immer wieder triggern. Wir sollten sie laut auslachen. Wir kommen noch dahin, über die 50 Jahre Unrecht zu reden und das wollen sie nicht.
F: Durch Reprohibition werden die verfassungsmäßigen Bürgerrechte auf freie Entfaltung (Art. II) massiv beeinflusst. Besonders ein Bundesland fällt immer wieder durch Schikanen und Drangsalierung von Anbauvereinigungen auf. Was kann man im Bund dafür tun, damit dieses gesetzwidrige Verhalten endet?
A: Solange eine Regierung sie in das Kabinett holt, wenig. Das ist auch nicht gesetzwidrig, das sind politische Drohkulissen. Das Warken Gesetz wurde nach den Ausschüssen in wesentlichen Punkten, Versand z.B. entschärft. Niemand macht hier Gesetze alleine. Wir können uns wirklich viel Aufregung sparen und Dinge tun, wenn wir das im Hinterkopf behalten..
F: Das Thema Anbauvereinigungen ist ja so eine Sache für sich. Ich denke da an diesen seltsamen "Gesamtverein", der angeblich tausende Mitglieder in ganz Deutschland haben will. Ist ruhig geworden um das Konstrukt in letzter Zeit. Wie schätzt du persönlich diesen Verein ein?
A: Scam.
F: Seltsam auch die äußerst zügige erste Genehmigung in Niedersachsen. Wie beurteilst du diese Situation da?
A: Gute Vernetzung in der Politik über Familiäre Bande und Kapital vorhanden.
F: CAV sind im Grunde Clubs von Enthusiasten. Wer damit Geschäfte machen will, muss unlautere Methoden anwenden (z.B. In-sich-Geschäfte). Wird dadurch der Ruf der CAV beschädigt?
A: Das Ziel sind echte Cannabis Social Clubs nach spanischem Vorbild und ENCOD Richtlinien. Was wir haben, ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. AVen sind nicht kommerziell, es dürfen also nur die kalkulierten und genehmigten Umsätze erzielt werden. Was du beschreibst ist illegal.
F: Wie sind deine Pläne für die nähere Zukunft, sowohl privat als auch im CSC?
A: Wir basteln an einer AV. Den Vorsitz im CSC High Ground Berlin e. V. gebe ich 27 ab, um mich voll auf die AV konzentrieren zu können. Das wird ein recht neues und überraschendes Konzept.
F: Bist du ganz persönlich bereit, einen Zeitplan abzuschätzen, wann die echten Legalisierungsschritte vielleicht zu erwarten sind?
A: 2015 haben wir zehn Jahre gesagt. Dann waren es neun. Ich hoffe, wir bekommen mit einem Regierungswechsel, oder schon mit der Evaluation ordentliche Fortschritte im Bereich Cannabis, Abgabestellen und Clubs.
F: Was wünschst du dir für 2026?
A: Weniger Armut, mehr Geld für die Aktivis, eine Hanfparade mit 100 000 Leuten, Abstieg der Hitlerkröten und ganz viel gute Blüten, Konzentrate und Sonne!
Vielen Dank für deine Zeit, Olli. Die Redaktion wünscht dir gutes Gelingen für deine Projekte.